Der Schutzengel

 

Kurzgeschichte Der Schutzengel

In den 1890er Jahren, so erzählte mein Onkel mir einmal, trat ich im November meine erste Auslandsreise nach Riga an. In der letzten Nacht vor meiner Heimreise hatte ich einen dunklen Traum:

 

>>Ich ging die Alexanderstraße in der Dämmerung entlang, die wohl auf Grund des anhaltenden kalten Nebels sehr unbelebt war. In der Ferne im Schein der Straßenlaternen sah ich einen Wagen mit vier weißen Pferden bespannt, der sich sehr schnell auf mich zu bewegte. Um so näher mir der Wagen kam, um so mehr veränderte er sich. Die vier weißen Schimmel verwandelten sich zu schwarzen Rappen; sie trugen plötzlich Trauergeschirr mit schwarzen Federn. Auf dem Bock saß ein mit dunklem Mantel und Hut bekleideter Kutscher - es war ein Leichenwagen. Doch neben dem Kutscher saß ein kleiner grün gekleideter Mann, ein Diener mit grünem Anzug und grüner Kappe, was mich sehr verwunderte.

 

Diese Gestalt und die für solch ein Fahrzeug höchst unangemessene Geschwindigkeit wirkte auf mich befremdlich und doch fühlte ich, dass zwischen mir und diesem Wagen eine Verbindung bestand. Und da, der Wagen steuerte genau auf mich zu und hielt mit einem plötzlichen Ruck neben mir an. Der kleine grün gekleidete Mann sprang vom Kutschbock und zog höflich mit dienender Geste seine mit goldener Borte verzierte Kappe vor mir, öffnete die Tür der Kutsche und forderte mich zum Einsteigen auf. Dabei zeigt er mir sein freundlichstes Lächeln. Dieses Lächeln, sein grüner Anzug, die schwarzen Rappen, der dunkle Kutscher - all das erweckte in mir Widerwillen und Abscheu. Ich trat einen Schritt zurück, was den Diener dazu bewegte die Tür zuzuschlagen und wieder auf den Kutschbock zu steigen. Ein lauter Zügelschlag und die Kutsche raste in dem Tempo davon, wie sie gekommen war. Ich blickte ihr nach.<<

 

War es der laute Zügelschlag oder der Morgen; ich erwachte schweißgebadet. Unterdessen vergingen die Tage und ich hatte diesen Traum schon wieder fast vergessen. Bald musste ich nach Paris reisen. Beeindruckt vom Flair dieser Metropole verlor ich mich eines Nachmittags in den zahlreichen Straßen der City und schlenderte vergnüglich zu einem neu errichteten Kaufhaus. Es war eines jener Häuser, die bereits einen Lift ihr Eigen nennen konnten. Dieser transportierte die Menschen zu den verschiedenen Stockwerken. Das Kaufhaus war gerade jetzt in der Vorweihnachtszeit gut besucht. Ich begab mich also in der großen Vorhalle zu diesem Fahrstuhl, um in die dritte Etage nach oben zu fahren. Doch plötzlich erschrak ich, denn genau neben dem Lift stand ein kleiner grün gekleideter Mann, der die Fahrstuhltür auf hielt. Er trug einen grünen Anzug und eine grüne Kappe, die mit einer goldenen Borte verziert war. Und sofort kam mir mein Traum wieder in Erinnerung. Dieser Fahrstuhlführer sah nicht nur dem Diener auf dem Kutschbock des Leichenwagens in meinem Traum zum Verwechseln ähnlich, sondern er besaß auch das gleiche Lächeln, mit diesem er nun die Fahrgäste freundlich zum Einsteigen aufforderte. Meine Betroffenheit stieg während ich auf den Lift zu ging. Die mir selbst eingeredeten Worte "das kann doch nicht sein, du irrst dich, das ist nur Einbildung" halfen mir nicht weiter. Und dann stand ich vor dem kleinen Mann mit dem grünen Anzug. Er zog wie in meinem Traum höflich seine Kappe vor mir und forderte mich mit einem äußerst höflichen Lächeln auf, in den Lift zu steigen. Ich fühlte den selben Widerwillen wie in meinem Traum in dieses Gefährt zu steigen und trat stattdessen ängstlich zurück. Daraufhin setzte er seine grüne Kappe auf, stieg selbst in den Lift und schloss die Tür. Ich zog es vor, mich schnell in den nächsten Verkaufsraum im Erdgeschoss zu begeben. Tief in Gedanken versunken hörte ich den Fahrstuhl hinter mir abfahren.

 

Als ich einige Zeit im Erdgeschoss umher geschlendert war, bemerkte ich, dass sich unter den Leuten eine seltsame Unruhe auszudehnen begann. Viele bewegten sich in Richtung Vorhalle. Ich hörte aufgeregtes Gerede, Schreien und Klagen. Um den Lift herum hatte ein Wachmann soeben eine Absperrung angebracht; eine größere Menschenmenge drängte sich um ihn. Eine Frau schrie: "Was für ein Unglück. Oh Gott, sie sind alle tot!" Ich fragte einen älteren Herren, der schon länger da zu sein schien, was denn eigentlich passiert war. Er sah mich an und sagte: "Es gab einen lauten Knall, der Aufzug ist abgestürzt." In mir war alles starr vor Schreck. Nach einiger Zeit, als sich das Unglück bestätigt hatte und ich wieder durchatmen konnte, verließ ich das Kaufhaus. Draußen hatte die Dämmerung eingesetzt und die Straßenlaternen gingen an. Immer noch war ich durchwühlt von den Ereignissen. Ich blickte zum Himmel und dachte: "Heute hatte ich einen Schutzengel."

 

(nach einer Erzählung von Werner Bergengruen)


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